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Setzen, schließen, drucken, waschen, legen ...

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Buchdruckerwappen

Druckergreife als Reisebegleiter

Lesbarkeit oder Tradition

Heute Morgen ist mir ein Setzschiff aufgefallen, auf dem drei Satzformen liegen, eine Bleisatz- und zwei Holzformen, davon eine in Frakturschrift. Beim Überfliegen des Textes, stelle ich fest, dass ich inzwischen beim Lesen auf dem Kopf schon recht geübt bin und merke, dass sich das Lernen auszahlt.
Es ist ein Text für eine weitere Vereinspostkarte, wie mir Udo erzählt, der sich mit dem langen und kurzem s auseinandersetzt. Die beiden kleinen s-Formen in der Frakturschrift habe ich ja bereits auf meiner letzten Station bei Hans Dubronner kennengelernt. Soll man das lange s heute noch verwenden, auch wenn viele es nicht mehr lesen können? Die einen sagen »ja«, wenn Frakturschriften verwendet werden, andere wiederum meinen »nein«, denn es geht auch hier um Lesbarkeit. Eine interessante Diskussion. 


Mathematik-Blei

Und bevor ich mich an den ersten Korrekturabzug für meine beiden Visitenkarten mache, entdecke ich noch vier Maschinensatzzeilen, die mathematische Formeln zeigen. Auf dem ersten Blick nicht ungewöhnlich, doch bei genauerem Hinsehen stelle ich fest, dass diese auffällig ineinander verschachtelt sind. Die umschießenden Rechenklammern überschneiden gleich drei Zeilen, die Zeichen und hochgestellten Ziffern sind unterschiedlich auf den Zeilen verteilt. Alle verschachtelten Zeilen zusammen ergeben erst die gesamte Rechenformel.

Das ist schon eine technische Herausforderung.

Gedruckte Greife – setzen, schließen, ...


Die beiden Satzformen für meine Visitenkarten liegen seit gestern vorbereitet auf dem Drucktisch und sind bereits ausgeschlossen, die Farbwalzen laufen und wir bringen im ersten Schritt Farben auf die Formen. Da ich nur wenige Karten drucken möchte, habe ich mir Papierreste ausgesucht, deren Farbe und Haptik mir gefallen. Ich bin gespannt, wie die beiden unterschiedlichen Buchdruckerwappen aussehen werden und wie sich die ›Kleukens kursiv‹ macht. Auf dem ersten Abzug erscheinen zwei stolze Druckergreife, die mich schon mal erfreuen, aber es gibt noch einiges zu tun, wie der Korrekturabzug namentlich bereits vorgibt. Manche Lettern müssen ausgetauscht werden, da sie nicht mehr genug Farbe aufgenommen haben. Andere sind ›rundgelaufen‹ oder drucken nicht sauber, sodass Udo diese bürstet. Außerdem müssen Wortabstände, Setzfehler und ein Zwiebelfisch korrigiert werden. Typografisch gefällt mir das abschließende Zier-z in ›TypoWalz‹ nicht, daher wähle ich doch das normale und der Mittelsatz wird bei beiden Formen noch einmal neu gesetzt. In diesem Zusammenhang entscheide ich mich auch gleich statt der kursiven die normale ›Kleukens‹ zu nehmen. Außerdem soll auch auf dieser Karte ›TypoWalz‹ stehen.

drucken, ...

Schließlich passt es und die Papiere können bedruckt werden. Unterschiedliche Papiereigenschaften werden gleich im Druck sichtbar, das eine braucht mehr und das andere weniger festen Druck. Zum Glück lässt sich der Drucktisch der ›Grafix‹ in der Höhe verstellen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und ich bin sehr zufrieden.

waschen, legen ...

Fertig gedruckt, jetzt noch waschen und ablegen. Inzwischen bin ich geübter und kann die beiden Satzformen zügig auch ohne Kolumnenschnur vom Drucktisch heben und beginne gleich die gewaschenen Lettern wieder abzulegen. Auch hier zeigt sich, dass ich fleißig lerne, so dass die vier verschiedenen Schriftgrade bald in den Setzkästen bzw. Steckschriftkästen zurück sind.

Morgen werden die Karten auf Maß geschnitten.


Oh, heute ist schon Mittwoch

Zum Glück habe ich noch zwei Tage

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Kommentare: 5
  • #1

    Helmut (Mittwoch, 25 September 2019)

    Hallo, fleissige Jana,
    @ Formelsatz: sind das Lino- oder Ludlow-Zeilen? Die Ludlow giesst nur auf Cicero-Kegelstärke, alle Über- oder Unterschneidungen werden mit in der Ludlow gegossenen Regletten oder Stegen unterlegt. Wir haben im Museums-Depot eine Ludlow, ich kämpfe schon seit 10 Jahren einen aussichtslosen Kampf für Ihre Aufstellung.
    Viele Grüße vom Helmut

  • #2

    Helmut (Donnerstag, 26 September 2019 18:21)

    @ Bild: ...der gut sortierte Setzkasten.
    ..ein derartiger Schriftkasten mit den liegenden Lettern war der Horror für jeden guten Schriftsetzer. Er mußte vor dem Setzen aufgeschüttelt werden, damit die Lettern locker für den "guten Griff" im Kasten liegen.

  • #3

    Jana Madle-Elmerhaus (Donnerstag, 26 September 2019 18:45)

    Hallo Helmut,
    ich habe gleich heute mit Udo über deine Frage, ob der Maschinensatz Lino- oder Ludlow-Zeilen sind. Wenn die Ludlow nur auf Cicero-Kegelstärke gießt, dann muss es auf der Linotype gegossen sein, denn wir haben nachgemessen. Die Zeilen sind 6 noch 8 Punkt, also wohl tatsächlich dazwischen.
    Und zu den gut sortierten Setzkästen kann ich sagen, dass ich es als sehr angenehm empfunden habe daraus zu setzen, aber ich lerne ja noch.
    Hab Dank für deine Beiträge und
    ☞ Gott grüß die Kunst

  • #4

    Jens (Freitag, 27 September 2019 23:12)

    Moin Jana, auf dem vorletzten Bild mit den zwei Druckstöcken der Greife ist eine Kolummnenschnur
    zu sehen, die wir als "Zippel-Schnur" verwendet haben.
    "Zippeln": ein Spiel , bei dem es darum ging, einen Kollegen zu bestimmen, der eine "Runde" ausgeben sollte. Ein Stück Restschnur wurde dafür an beiden Enden so aufgezwirbelt, daß jeweils drei Einzelfäden
    entstanden. An einen dieser Fäden worde ein 10p-Geviert angebunden. Die drei Mitspieler griffen sich am anderen Ende jeweils einen einzelnen Faden und zogen die Schnur auseinander (zippelten), bis jeder einen ganzen Faden erhielt. Der Spieler mit dem Geviert war der "Glückliche".
    Bei uns wurde am Tage in der Setzerei selten Alkohol
    getrunken. Deshalb ging es dabei oft um eine Currywurst oder um ein halbes Hähnchen.
    Jens August (Yancy)

  • #5

    Jana Madle-Elmerhaus (Mittwoch, 02 Oktober 2019 12:12)

    Moin, moin Jens,
    erst jetzt komme ich dazu dir zu antworte auf deine nette Beschreibung des zweiten Spiele-Tradition unter Schriftsetzern, dem »Zippeln«. Das klingt auch spannend und werde ich in Kürz im Museum der Arbeit Hamburg einmal mit den Kollegen dort ausprobieren.
    Vielen Dank also und
    ☞ Gott grüß die Kunst