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Bleierne Mikrotypografie

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Große Geschichte

in kleinen Figuren

1913 haben heute das Vergnügen ...

Zu Beginn der Woche haben die Kollegin Susanne und ich die Abzüge der neuen Bestände aus einer Druckereiauflösung gesichtet und verschiedenste Ornamente, Verzierungen und Mehrfarb-Initialen bewundert. Heute liegt vor mir ein Schriftmusterbuch der »Tagblatt-Buchdruckerei« Stuttgart, in dem noch das Original-Anschreiben aus der Inseraten-Abteilung von 1913 beiliegt. Allein die Kopfzeile mit Wasserzeichen ist schon sehenswert und die Formulierung des Anschreibens krönt meinen Tagesbeginn.


Katalogbestellung damals

Früher war es nicht möglich, zu kopieren oder gar eine Grafik aus dem Netz holen. Daher waren Musterbücher sehr begehrt, um je nach Auftrag und Belieben Klischees zu bestellen. Waren die Motive nicht nummeriert, konnte es schon vorkommen, dass sie einfach ausgeschnitten und per Post eingeschickt wurden, um die Bestellung aufzugeben. Beim Blättern finde ich Handzeiger in allen Größen, ein Motiv, das ich sehr gerne verwende. Viele Abbildungen in den Musterbüchern sind so filigran, dass sie erst durch ein Vergrößerungsglas richtig erkennbar sind.


Manchmal läuft es gerade

Nun nehme ich den gestrigen Abzug meiner Arbeit unter die Lupe, markiere zu enge und zu weite Zwischenräume, ändere manche Reihenfolge der Lettern und stolpere über das kursive Paragrafen-Zeichen »§«. Es ist fast so gerade wie das normale Zeichen. Daher bitte ich Eckehart um Rat bei meinem Versuch der »bleiernen Mikrotypografie«. Er lacht, aber er teilt meine Meinung. Wir vergleichen Signatur und Schnitttiefe des Buchstabens, doch wie es scheint, ist dieses »§« in der Schrift tatsächlich so gerade angelegt.


Mehr oder weniger

Inzwischen hebe ich Zeile für Zeile wieder in den Winkelhaken und verringere oder erweitere Buchstabenabstände, tausche 3 Punkt gegen 2 Punkt Spatien, füge an anderer Stelle einzelne oder halbe Punkte hinzu. Die noch fehlenden Zeichen »â«, »é«, »;« und »í« ergänze ich und ändere entsprechend die Buchstabenfolge, damit beide Muster vergleichbar bleiben. Die Zeilen sind auf Mittelsatz angelegt und mein Ziel ist es, die Breite der Zeilen so auszurichten, dass es ein harmonisches Schriftbild im rhythmischen Flattersatz ergibt. Wir werden sehen.


Nächste Runde

Fürs Erste sind nun alle Zwischenräume angepasst und für den optischen Ausgleich der Abstand zwischen den großen und kleinen Ziffern (Versal- und Mediävalziffern) verringert. Beide Sätze binde ich mit inzwischen vertrauten Griffen aus und mache weitere Abzüge auf der Abziehpresse. Die Druckerschwärze steht satt auf dem leicht gelblichen Papier und das Ergebnis wird besser. Ich bitte Ria um Hilfe für den optischen Feinschliff, ihr erfahrener Blick sieht jedes Detail.


Garamond, Garamond, Garamond ...

Die exzellente Leseeigenschaften der Garamond führte dazu, dass sie bis heute im Buchdruck eine der am häufigsten eingesetzte Schriftart ist. Der Franzose Claude Garamond (1499 – 1561) ist der Urheber dieser Schrift. Heute existieren zahl- und variantenreiche Versionen. Jeder bedeutende Typograf hat praktisch eine eigene Ausführung  der Garamond entworfen, auch im digitalen Bereich. 

Manfred Richter, der Geschäftsführer des Typostudios, reicht mir ein Buch über Fotosatzschriften der DDR, in denen u.a. die Blei-Garamond mit der Fotosatz Garamond von »Typoart« verglichen wird und bin erstaunt über die vielen feinen Abweichungen selbst bei einem Hersteller.


Morgen wird vollendet

und alles verglichen

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Kommentare: 2
  • #1

    Percy (Freitag, 09 Oktober 2020 00:29)

    Ja, manchmal findet man auch Spuren des Durchpausens – ist nicht ganz so sehr Vandalismus…

  • #2

    Jana auf TypoWalz (Mittwoch, 14 Oktober 2020 17:36)

    Lieber Percy,
    ich finde, es ist immer eine sehr spannende Geschichtsreise, wenn man die alten Bücher durchblättert und hier und da Notizen oder andere kleine Zeitzeugen findet.
    Alles Gute in die Schweiz und ☞ Gott grüß die Kunst