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Aufzug und Zurichtung für den Gally-Tiegel

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Drucktag

und Vokabeln lernen

Wenn der Meister nachts an Schächtele denkt

Conny konnte die letzte Nacht nicht richtig schlafen, er musste auch immer an die »Schächtele« denken, daher haben wir uns heute gleich ans Werk gemacht. Die eine Zeile im Text musste noch gestürzt und wieder ausgeglichen werden. Nach dem Ausbinden der Satzform habe ich sie angehoben und geprüft, ob sie fest verschnürt ist. Nichts fällt, nichts wackelt, sehr gut. Mein erstes Lehrjahr zahlt sich aus. Es kann gedruckt werden und ich bringe die Form in den Drucksaal, wo Conny gerade den Schließrahmen mit der Stanzform aus dem Gally-Tiegel nimmt und an die Seite stellt. Das Stahlblech mit den aufgeklebten Nutlinien wird ebenfalls entfernt, nachdem die genaue Position vorher markiert ist. Damit kann beides nach dem Drucken wieder passgenau eingesetzt und genutzt werden.

Für meine kleine Satzform mit dem »Lichtlein« wird eine so genannte Sparform verwendet. Das ist ein Schließrahmen, der einen weiteren Rahmen in der Mitte hat, womit man bei kleineren Formen weniger Füllmaterial braucht. Das klingt gut. Trotzdem ist das Gewicht allein des Rahmens nicht unerheblich und ich stelle wieder fest, wie schwer Blei ist. Conny lobt meine Satzarbeit und auch Hans ist zufrieden – das macht mich stolz.


Einen neuen Aufzug einrichten

Bevor gedruckt werden kann, richten wir einen neuen »Aufzug« ein, das bedeutet, es wird mit »Straffen- oder Tauenpapier« eine Druckunterlage »aufgezogen«. Ich bin immer wieder voller Achtung vor diesem Handwerk und fühle mich beim Aufschreiben aller neuen Vokabeln an Schulzeiten erinnert. Es gibt Straffenstangen, Abhalter, Zurichtearme, Anlege- und Seitenmarken, die manchmal auch »Frösche« genannt werden wegen ihrer Form. Ich höre, dass es weiche und harte Aufzüge gibt, damit die unterschiedlichen Papiersorten und diverse Formen gedruckt werden können. Immer mit dem Ziel des bestmöglichen Ergebnisses.


Die Zurichtung

Rot soll als erstes gedruckt werden, die Walzen werden gut eingefärbt. Conny kann hören, wenn die Farbe soweit ist, dass sie gedruckt werden kann – er spricht von dem richtigen Farbrauschen. Dann geht es los.

 

Wir machen den ersten Probeabzug, um zu sehen wie gleichmäßig der Druck ist. Da ich verschiedene Holz- und auch unterschiedliche Bleischriften verwendet habe, ist es nicht ungewöhnlich, dass die Farbe ungleichmäßig gedruckt wird. Nun kommen wir also zu den Feinarbeiten, dem Zurichten. Was Max an dem Heidelberger Tiegel die letzten Tage gelernt hat, werde ich also nun heute an meiner Form lernen. Flächen des Probedrucks mit wenig Farbe bekommen eine Papierschicht, andere mit noch weniger Farbe erhalten zwei Schichten Papier zugeschnitten und unterlegt. Aha.

 

Klingt kompliziert, aber wenn der Meister zeigt wie es geht, ist es dann doch recht einfach. Blaupapier und Bleistift sowie Seiden- oder »Florpost«-Papier, Schneidemesser und Celluloseleim braucht es, um eine »Kraftzurichtung« zu erstellen. Ich übe Vokabeln, klebe und schneide.


Im Rhythmus des Gallys

Conny ist zufrieden und nach kurzer Einweisung stehe ich selbst am Tiegel. Die Walzen schmatzen, die Zahnräder surren, es klackt, schiebt und ruckelt, die Auflagearme klingeln nach jedem Druck ein wenig und eine große Zufriedenheit breitet sich in mir aus.

 

Wir entscheiden uns für rote Farbe auf weißem, grünem, blauem, beigem und schwarzem Karton sowie noch einmal alles in schwarzer Farbe. Außerdem werden noch ein paar Exemplare auf Transparentpapier mit schwarz versehen. Ich drucke und drucke und merke, wie meine ungeübten Bewegungen sich dem Rhythmus des Gallys langsam anpassen.


Was für ein Tag

zum Feierabend lädt Conny zum Essen ein

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Kommentare: 2
  • #1

    Dagmar Natalie Gorbach (Freitag, 18 Oktober 2019 08:37)

    Was für ein erfüllendes Handwerk doch unserem Beruf zu Grunde liegt. Zwischen fast meditativ rhythmischen Bewegungsabläufen und schneller Reaktionsfreudigkeit verspricht jeder Tag Neues und Vertiefendes. Ich fühle mich an meine Schriftsetzerausbildung erinnert, die – 1988 nicht mehr so handwerklich – im beginnenden Aufbruch ins Digitale für mich doch auch voller Qualität und Liebe zum Detail war. Eine wundervolle Zeit der Neugierde, Wissenserweiterung und Detailerkenntnis.

    Und irgendwie klingen die Vokabeln auch immer ein bisschen nach Hafen, Schwermetall und Hamburg.
    So schließt sich der Kreis.
    Dir liebe Jana weiterhin gutes Schaffen und Erkennen.

    Gott (und die anderen Götter) grüßen die Kunst.

  • #2

    Jana auf TypoWalz (Montag, 21 Oktober 2019 15:07)

    Liebe Dagmar,
    es ist schön zu lesen, dass es dir ebenso ergeht und du dich an das Handwerk gern erinnerst. Und ich stimme dir zu, das Rauschen, Ächzten und der mechanische Rhythmus der Maschinen erinnert auch mich an Hafen und Hafen gehört zu Hamburg – vielleicht erklärt sich daher auch meine Leidenschaft – wer weiß …
    Hab lieben Dank und
    ☞ Gott grüß die Kunst